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21. Bezirk, Floridsdorf

Floridsdorf erstreckt sich zwischen dem Bisamberg im Norden und der Donau im Südwesten. Entstanden aus einer Zusammenlegung mehrerer Dörfer (Stammersdorf, Strebersdorf, Floridsdorf, Großjedlersdorf, Jedlesee, Donaufeld, Leopoldau), weist der Bezirk in vielen Gebieten und Ortskernen auch heute noch dörfliche Züge auf. In den donaunahen Gebieten erlaubte aufgrund der Hochwassergefährdung erst die Donauregulierung in den 1870er Jahren eine Besiedlung. In der Schwarzlackenau und im Floridsdorfer Aupark sind auch heute noch kleine Reste der ehemaligen Pappel-Au vorhanden. Neben der Alten Donau ist der Marchfeldkanals ein wichtiges Gewässer und Erholungsgebiet. Trotz seiner Tradition als Landwirtschafts- und Weinregion entwickelte sich Floridsdorf im 19. Jahrhundert auch als Industrieregion. Nach der großen Donauregulierung 1870/75 siedelte sich Großindustrie auf den billigen und nun hochwasserfreien Gründen nördlich der Donau an, bspw. die Wiener Lokomotiv-Fabriks-AG (LOFAG), die Wagenfabrik Lohner, die Großbrauerei Mautner-Markhof, die Firma Siemens, Metall- und Schraubenfabriken etc. Seit Beginn der 1990er Jahre hat eine intensive Stadterweiterung große neue Siedlungsgebiete und damit auch viele junge Familien in den Bezirk gebracht, v.a. entlang der Hauptader Brünnerstraße („Neu-Stammersdorf“), aber auch in anderen Bezirksteilen entstanden „Mustersiedlungen“ wie die Autofreie Siedlung oder die Frauenwerkstatt. Ein aktuelles Projekt der Stadtentwicklung ist das denkmalgeschützte Gaswerk Leopoldau, für das Nachnutzungen überlegt und gesucht werden.

Zur Geschichte im Detail:
Am 28. Dezember 1904 wurde die am 8. Mai 1894 durch den Zusammenschluss der Orte Floridsdorf, Donaufeld, Jedlesee und Neu Jedlersdorf entstandene Großgemeinde Floridsdorf mit den Gemeinden Leopoldau, Groß-Jedlersdorf, Stadlau, Kagran, Aspen und Hirschstetten sowie Teilen umliegender Marchfeldgemeinden zum 21. Wiener Gemeindebezirk "Floridsdorf" zusammengefasst; am 6. Juli 1910 wurde auch Strebersdorf Teil des 21. Bezirks. 1938 wurden Stadlau, Kagran, Aspern und Hirschstetten abgetrennt und dem neuen 22. Bezirk "Groß-Enzersdorf" zugeschlagen, dafür wurde Floridsdorf um einige niederösterreichische Randgemeinden vergrößert, von denen aber nur Stammersdorf auch nach 1954 beim Bezirk verblieb.

Rasche Entwicklung durch Schiffs- und Bahnverkehr

1786 ließ das Stift Klosterneuburg unter Propst Floridus Leeb dreißig Grundstücke in da "Haidschüttau" parzellieren und an Ansiedlungswillige abgeben. Damit war der Grundstein zu einer eigenen Gemeinde gelegt. Die Siedlung, deren Einwohner von der Zahlung einer Grundsteuer befreit waren, erhielt, nach dem Stiftspropst, bald den Namen Floridsdorf. 1801 hatte der Ort bereits eine eigene Kirche. In der Folge entwickelte er sich recht schnell vor allem wegen der Schiffswerft der Donaudampfschifffahrtsgesellschaft und durch Verkehrsanschlüsse der Nordbahn, der Nordwestbahn und der Dampftramway. Im 19. Jahrhundert entstanden auch zahlreiche Fabriken, wodurch der Ort einen bedeutenden wirtschaftlichen Aufschwung nahm. Als 1892 die zweite Wiener Stadterweiterung durchgeführt wurde, plante der niederösterreichische Statthalter Erich Graf Kielmansegg, am linken Donauufer eine niederösterreichische Hauptstadt zu schaffen. Zu diesem Zweck wurden 1894 Floridsdorf (zu dem seit 1874 auch "Jedlersdorf am Spitz" gehörte), Jedlesee, Neu-Jedlersdorf und Donaufeld zur "Großgemeinde Floridsdorf zusammengeschlossen. 1901/02 wurde "Am Spitz" zwischen Prager und Brünner Straße das Floridsdorfer Rathaus, das heutige Magistratische Bezirksamt, nach Plänen der Architekten Gebrüder Drexler erbaut.

Türken und Franzosen in Groß-Jedlersdorf
Groß-Jedlersdorf wurde 1108 erstmals urkundlich genannt. 1280-1792 war der Ort im Besitz des Nonnenklosters Tulln. 1529 und 1683 wurde Jedlersdorf von den Türken, 1809 von den Franzosen in Mitleidenschaft gezogen. Nachdem das Tullner Frauenkloster unter Josef II. aufgelöst worden war, wurden die Jedlersdorfer Weidegründe zwischen Prager und Brünner Straße 1782 parzelliert und an Neuansiedler verkauft. Die neue Siedlung wurde "Jedlersdorf am Spitz", "Klein-Jedlersdorf" oder einfach "Am Spitz" genannt und erhielt 1804 die Selbstständigkeit. 1874 wurde "Jedlersdorf am Spitz" mit Floridsdorf vereinigt. Groß-Jedlersdorf blieb bis 1904 selbstständig, wurde dann teilweise und schließlich zur Gänze dem 21. Bezirk eingemeindet.

Jedlesee – von der Donau oft überschwemmt, aber auch reich beschenkt
1014 scheinen Jedlesee und seine Pfarrkirche erstmals in den Quellen auf. Im Westen des Ortes lag die "Schwarze Lacke", die bei Hochwasser zu einem Seitenarm der Donau wurde und Jedlesee oft überschwemmte. Im Mittelalter befand sich bei Jedlesee eine Donauüberfuhr, die eine Einnahmequelle für die Bewohner des Ortes war und nach der Errichtung der ersten Donaubrücke 1439 an Bedeutung verlor. 1575 kam die Herrschaft Jedlesee an das Wiener Brückenamt. Einfälle der Schweden (1645) und der Türken (1683) sowie die Pest setzten dem Ort arg zu, im 18. Jahrhundert verödete der Ortskern fast völlig. 1771-1807 breitete sich Jedlesee in Richtung Prager Straße aus. 1778 kam die Herrschaft an Anton Freiherrn von Störck, den Leibarzt Maria Theresias, unter dem 1779 die Loretto-Kapelle zur Pfarrkirche umgestaltet und 1787 an der Ecke Prager Straße/Hopfengasse ein Brauhaus errichtet wurde. Seit der Eröffnung der Nordwestbahn 1872 wurden in Jedlesee zahlreiche Industriebetriebe gegründet. Bis zum Ersten Weltkrieg wurde die Prager Straße in Richtung Floridsdorf verbaut. In der Ersten Republik entstand u.a. die später Karl-Seitz-Hof benannte "Gartenstadt" (1926-1932).

Einst Gänse- und Entenzucht in der heutigen Großfeldsieldung
1125 wird Leopoldau als "Alpiltowe" (Eipeldau) erstmals urkundlich erwähnt. Der Ort war seit den Tagen der Babenberger für seine Gänse- und Entenzucht sehr berühmt. Die Ungarn unter Matthias Corvinus und die Türken machten ihm schwer zu schaffen; ein Großfeuer vernichtete 1676 einen großen Teil von Eipeldau, darunter auch den Meierhof des Stiftes Klosterneuburg, das schönste Gebäude des Ortes. 1677 wurde der Hof wieder aufgebaut und dient seit 1693 als Pfarrhof. Durch die häufigen Überschwemmungen kam es in der Leopoldau zur Anlage so genannter "Wasserzimmer", die wesentlich höher lagen als die übrigen Räume und bei Hochwasser Schutz boten. Seit 1734 wurde für Eipeldau der Name Leopoldau gebräuchlich. 1830 wurde der Großteil des Ortes durch Hochwasser zerstört; 1831 wurde er zur Marktgemeinde erhoben. In die Literaturgeschichte ging der Ort durch die von Joseph Richter (1749-1813) herausgegebenen "Briefe eines Eipeldauers an seinen Herrn Vetter in Kakran über d'Wienerstadt" ein. Seit der Mitte des vorigen Jahrhunderts entstanden zahlreiche Fabriken und Wohnhäuser, auch begannen sich mit Neuleopoldau und Mühlschüttel zwei neue Ortschaften zu entwickeln, die 1881 von Leopoldau getrennt wurden und sich seit 1886 Donaufeld nannten. Die Donaufelder Pfarrkirche "Zum Hl. Leopold" am Kinzerplatz wurde im Juni 1914 geweiht. Ihr imposanter Turm erreicht eine Höhe von 96 m. 1966 -1973 entstand in der Leopoldau mit der Großfeldsiedlung die größte Wohnanlage Österreichs. Der alte Ortskern Leopoldaus hat sich erhalten und steht heute unter Denkmalschutz.

In Strebersdorf wird seit 1886 gestrebert
Strebersdorf wurde 1078 erstmals urkundlich genannt, 1440 durch ein Donauhochwasser vernichtet und daraufhin am Fuße des Bisambergs neu gegründet. Schloss und Gut kamen später an das Stift Klosterneuburg und danach, 1886, an die Schulbrüder, die hier ein Konvikt errichteten. 1822 wütete in Strebersdorf ein Großbrand, der viele Häuser zerstörte; die Cholera raffte einen Großteil der Bevölkerung hinweg.

Nicht unterzukriegen: Stammersdorf
Das 1150 erstmals in den Quellen erwähnte Stammersdorf wurde oftmals von feindlichen Truppen zerstört, 1645 war hier das Hauptquartier des schwedischen Feldherrn Torstenson, 1805 das Feldlager der österreichischen Armee. Die Stammersdorfer Pfarrkirche wurde 1478 erstmals genannt. 1850 fiel ein Großteil des Ortes einem Großbrand zum Opfer. 1928 wurde Stammersdorf Marktgemeinde, seit 1938 ist es Teil des 21. Bezirks. Bis heute hat sich der Ort seinen Dorfcharakter bewahrt.

Seit der Jahrhundertwende entwickelte sich Floridsdorf immer mehr zu einem Industrie- und Verkehrszentrum und zu einem Arbeiterbezirk. In der Ersten Republik kam es zum Bau ausgedehnter Wohnhausanlagen der Gemeinde Wien, bis 1934 waren über 6.000 Wohnungen fertiggestellt. Im Februar 1934 war der Bezirk ein Zentrum des Widerstands gegen die Zerstörung der Demokratie; auch 1938-1945 waren in den Floridsdorfer Betrieben zahlreiche Widerstandsgruppen gegen den Nationalsozialismus tätig. Die Bombenangriffe des Zweiten Weltkriegs verursachten in Floridsdorf schwerste Schäden. Nach Kriegsende wurde die Tradition des kommunalen Wohnbaus fortgesetzt, und seit den 1990er Jahren hat eine intensive Stadterweiterung eingesetzt und viele neue Wohngebiete wurden in Floridsdorf realisiert.
 

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Essay

Rund um den Schlingermarkt

Denkende Arbeiter trinken nicht

Flanieren, wo die Brünnerstraße beginnt, also abseits des «Weltstädtischen»:  von einem Gemeindebau, dessen architektonisches Prinzip ganz unterschiedlich gedeutet wird, über einen Markt, der trotz Triumph der Handelsriesen überleben will, zu einem Branntweiner, der einen Volkshochschulkurs ersetzt.

Am 13. Februar 1934 berichtet Vizekanzler Emil Fey im Österreichischen Rundfunk triumphierend über die Februarereignisse: «Besonders heiß waren die Kämpfe im 21. Bezirk um den Schlingerhof und in der Quellenstrasse im 10.Bezirk. Im Schlingerhof befanden sich 400 Schutzbündler, denen zwei Maschinengewehre und 300 Handgranaten von der Exekutive weggenommen wurden (...) Es handelt sich lediglich nur mehr darum, die letzten roten Verbrecher aus den letzten roten Nestern herauszuholen, und das wird mit aller Strenge durchgeführt werden.»  Im Schlingerhof floss Blut. Nur noch wenige Menschen wohnen in diesem Floridsdorfer Gemeindebau, die davon aus eigenem Erleben wissen. Selbst die Ältesten, die ich heute im Gasthaus Schlingerhof antreffe, sind zu jung, um mir als Zeitzeugen dienen zu können.

Nahezu biedermeierlich, welch ein Kontrast zum Image der «roten Trutzburg», wirkt die dem Schlingermarkt zugewandte repräsentative Hauptfront der 1926 nach Plänen von Hans Glaser und Karl Scheffel fertig gestellten Anlage. Die Hauptfront wird von einem Uhrturm mit einem Turmhelm aus Kupferblech bekrönt – wie ein Fingerzeig, dass auch die Sozialdemokratie eine Art Kirche war. Während die Bürgerlichen die Gemeindebauten als strategische Festungen interpretierten, macht ein Teil der Architekturkritik heute (wie in dem bei «edition selene» erschienen Buch „Real Crime“; Herausgeber: Michael Zinganel) auf eine «gegenteilige» Funktion der Architektur des Roten Wien aufmerksam. Von den Innenhöfen des Schlingerhofs aus – am schönsten ist der erste Hof mit dem Brunnen – fällt der Blick auf die nummerierten Eingänge der Stiegenhäuser. Dass man die Wohnungen nicht von der Straße aus, sondern über den Innenhof erreicht, scheint zunächst banal zu sein – so kennt man es eben von allen Gemeindebauten. Dieses architektonische Prinzip sei Ausdruck der Kontrollobsession der Sozialdemokratie, lautet eine Interpretation. Ein Beobachter habe von seinem Fenster aus – gewollt oder ungewollt – z.B. einen Überblick über die Besuche der NachbarInnen.

So alt wie der Schlingerhof ist der Floridsdorfer Markt, der allgemein als Schlingermarkt bekannt ist, weil er sich eng an den Gemeindebau schmiegt. Es mag bequemer sein, im Billa einzukaufen, wer aber «Situationen» sammeln will, kommt am Schlingemarkt mit seinem – leider schon sehr reduzierten – Branchenmix und seinen Einkehrangeboten auf seine Kosten. Und wer Freitag oder Samstag vormittags den Markt besucht, findet auf der Freifläche neben dem bebauten Teil auch ein paar bäuerliche Selbstvermarkter vor. Die Kronenzeitung meint, die Quelle des BesucherInnenschwunds im «mäßig attraktiven Ambiente» gefunden zu haben; die konservativen Ressentiments gegen die Objekte des Roten Wien scheinen hartnäckig die Polarisierungen aus der Zwischenkriegszeit überlebt zu haben; andernfalls zählte die Kulisse eines «Arbeiterpalastes» nicht zum störenden Ambiente, wie die Zeitung suggeriert. Der BesucherInnenschwund ist freilich Realität; man wird sehen, inwieweit die Bezirksvertretung die Vorschläge einer Studierendengruppe der Wiener Boku aufgreifen wird, die die positiven Erfahrungen bei der Revitalisierung des Hannovermarkts (Wien 20) für den Schlingermarkt fruchtbar machen will. Flohmärkte, Tauschbörsen und Jazz-Brunches ziehen heute zumindest temporär die Menschen aus der Umgebung an.

Der empfohlene Start unseres Flanierens ist das Gasthaus Schlingerhof, das von den UreinwohnerInnen wegen der «Bodenständigkeit» seiner Küche frequentiert wird – eine informelle gastronomische Kategorie, in  der oft eine Distanzierung von der Multikulturalität und Globalität der Restaurantszene Wiens mitschwingt. Nicht als Empfehlung, sondern geradezu obligatorisch endet die Flanerie in Franz Svecenys Likörstube, Brünnerstraße 30. Von ehemals 600 Wiener Branntweinern sind nur noch sechs echte in Betrieb – eines davon ist der Sveceny. So vielfältig die Lokalbezeichnungen sind, die der Wirt oder seine Gäste kreierten (neben Likörstube oder einfach Branntweiner ist auch Bottle Shop oder Promille Boutique in Umlauf), so variantenreich ist der Name der ursprünglich aus Nordböhmen stammenden Familie, die  an dieser Stelle bereits seit 1911 das Branntweinergewerbe pflegt, dokumentiert. Ein altes Schild zeigt, dass zu gewissen Zeiten Annäherungen an die «germanische» Schreibweise angebracht werden: Switzeny.

Wer hier nicht rasch den Wodka oder den Obstler in seine Kehle kippt, sondern ganz auf pomale die vermeintlichen sonstigen Verpflichtungen des Tages vergisst, der oder die kann in dieser Likörstube ganz ohne google und wikipedia seinen Wissensstand vermehren. «Das kleine Geschäft hat folgende österreichische Regierungen überlebt», steht zum Beispiel auf einem Plakat, und darunter die komplette Liste der zunächst monarchischen und dann republikanischen Regierungschefs ab 1865, denn in diesem Jahr war das Vorläufergeschäft auf Hausnummer 30 eröffnet worden. Das kleine Geschäft überlebte also die Auerspergs und die Windischgrätzs, die  Stürgkhs und die Lammasch´, die Renners und die Schuschniggs, die Figls und die Vranitzkys und ... und ... und ... Noch auskunftsfreudiger als die Wände seiner Likörstube ist nur Franz Sveceny selber. Wer es wissen will, dem kann der Chef glaubhaft versichern, dass sein Tschocherl den geografischen Mittelpunkt  der Welt darstellt. Das untergegangene Österreich-Ungarn fasziniert ihn ebenso wie die Geschichte Floridsdorfs. Dass seine Bude auch die Spindies und die Faymännchen überleben wird, wünscht sich das Stammpublikum ganz unabhängig von seiner politischen Lagerneigung.

Apropos Politik. Ich möchte den Lesenden nicht die Geschichte des Wiener Bloggers Herbie vorenthalten. Sie sollte in die Geschichtsbücher hineinreklamiert werden, denn sie sagt einiges über die Moral der österreichischen Politik aus. Es ist die Geschichte, wie der Branntweiner Herbies politische Bildung beeinflusste und wie er Herbies «Achtung vor Politikern nihilierte»:

Zu meiner Studienzeit hat es noch genügend von diesen Branntweinern gegeben. Das waren wirklich die «tiefsten» Lokale, die man sich vorstellen kann: meist nicht größer als eine Zwei-Zimmer-Wohnung, ein großer Tresen, eine Vitrine, drei bis vier Tische und ein Klo. Ich bin noch heute fest davon überzeugt, dass die Wiener Branntweiner-Klos für 80 % der damaligen Ansteckungskrankheiten und Hygieneprobleme verantwortlich waren. Nun, was hatte man also in so einem «Dive» verloren? Ganz einfach - in den 80ern und 90ern, waren das einfach die einzigen Trinkgelegenheiten, die aufgesperrt haben, wenn alles andere zugesperrt hat. 04:00 - 04:30 waren durchaus normale Öffnungszeiten für die Branntweiner, und wenn man gerade so schön am Feiern war, weil man eine Prüfung bestanden hatte oder weil man durchgefallen war, passte das ideal. Man wollte noch nicht ins Bett und ein oder zwei Bacardi/Cola waren noch nötig, um die nötige Bettschwere auch wirklich zu erreichen. Viele dieser Branntweiner waren strategisch günstig an Straßenbahnhaltestellen angesiedelt. Und es war unglaublich, wie viele Leute auf dem Weg zur Arbeit schnell aus der Tram liefen, im Branntweiner ein bis zwei Viertel Rot inhalierten und dann mit der nächsten Tram weiterfuhren. Zum fröhlichen Schaffen!! Ich hatte also gerade eine große Prüfung hinter mich gebracht und war auf «Forschungsreise»: Wie verhindert man am besten einen Kater? Da blieb doch glatt vor dem Branntweiner ein Mercedes stehen (unberechtigterweise), und ein Mann, ca. Mitte 50, Anzug, Krawatte, stieg aus, kam herein und bestellte Espresso mit doppeltem Cognac, dann noch einen doppelten Cognac und dann nochmals dasselbe von Anfang an. Dann noch ein Viertel Rot zum Nachspülen – und weg war er wieder! In nicht mal 15 Minuten 8 Cognac und 1 Viertel, und das um sechs Uhr früh – Habedieehre!!! Am Abend – gerade wieder aus dem Koma erwacht – liege ich vorm Fernseher und schau «Zeit im Bild». Angekündigt wird ein Beitrag über irgendwelche Budgetdiskussionen heute im Parlament; heute Morgen, vor Beginn der Parlamentssitzung, habe man den Herrn Abgeordneten XY dazu interviewt. Der Interviewte kommt ins Bild – und wer lacht mich aus dem Fernseher an? Richtig, der Herr 8 Cognac und 1 Viertel! Der steht also da, ich weiß, dass er blunznfett ist, und er erklärt groß und wichtig, warum dies so, das so und was anderes wieder so sein müsste. Dann sagt er Tschüss und geht ins Parlament – um die Geschicke Österreichs zu lenken. Im Vollrausch. Und ich kann einfach nichts dagegen machen: Seit diesem Tag sehe ich vor meinem geistigen Auge jeden Politiker beim Branntweiner – und es gelingt mir nicht mehr, einen von denen noch ernst zu nehmen.

Nehmen wir an, der Herr 8 Cognac und 1 Viertel ist Sozialdemokrat. Es ist eine Fiktion, die mir erlaubt, zum meinem Ausgangspunkt zurückzukehren: zum Schlingerhof als Teil des Roten Wien. Wer als Schlingerhof-Bewohner zum Branntweiner ging, verstieß gegen ein ehernes Prinzip der österreichischen Sozialdemokratie: «Ein denkender Arbeiter trinkt nicht, ein trinkender Arbeiter denkt nicht». Dieser Satz wird Viktor Adler zugeschrieben, dem Gründervater der Sozialdemokratie. Ihre Jugendorganisation, die SAJ, setzt durch, dass in Österreich an Jugendliche vor dem 16. Lebensjahr in der Öffentlichkeit kein Alkohol ausgeschenkt werden durfte. Es war die erfolgreichste Initiative von Jusos, seit es sie gibt. Dass heute noch in jedem Beisel die Tafel «An Jugendliche wird kein Alkohol ausgeschenkt» sichtbar hängen muss, könnten die heutigen Jusos als historischen Triumph verbuchen –  wenn die Alkoholabstinenz heute als cool gälte. Das tut sie aber nicht, weswegen der Arbeiter-Abstinentenbund, einst auch im Schlingerhof fest verankert, längst verschämt seinen Namen geändert hat («Aktion 0,0 Promille») und zu den unbedeutendsten Sub-Organisationen der SPÖ zählt.

Robert Sommer


INFO-BOX

Erreichbarkeit Schlingerhof/Schlingermarkt:
1221; Brünnerstraße 34 – 38
U6/S-Bahn Station Floridsdorf,
Straßenbahn Linie 30/31, Station Floridsdorfer Markt

Gasthaus Schlingerhof
im Internet
Adresse: 1210 Wien, Brünner Straße 34–38
Kontakt: 01/278 15 66, m.milutinovic@gmx.at
http://www.falter.at/web/wwei/detail/6832/gasthaus-schlingerhof
 

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FlanerieTipps

Gasthaus Birner

Das Gasthaus Birner an der Oberen Alten Donau 47 ist eine Floridsdorfer Tradition. Der herrliche, terrassierte Gastgarten am Wasser der Alten Donau, mit Blick auf´s gegenüberliegende Angelibad, ist ein wunderbarer Ort, um laue Sommerabende zu genießen. Bis zur Donauregulierung (1870-1875) war die heutige „Alte Donau“ Hauptstrom und Fahrwasser für den Schiffsverkehr. Hier lagen 60 Schiffsmühlen, und auch die Familie Birner verdiente sich ihren Lebensunterhalt als Müllersfamilie. Nach der Donauregulierung eröffnete die Familie Birner ein Gasthaus sowie eine „Lustschifffahrt“ und „Überfuhr“ auf den Bruckhaufen. Ab 1888 betrieb die Familie auch eine Badeanstalt, das „Vier-Kreuzer Bad“, 1896 kam dann ein zweites Bad, das noblere „Zehn-Kreuzer Bad“, dazu. Heute ist das Gasthaus Birner bekannt für den herrlichen Gastgarten, gutes Essen, wunderbares selbstgemachtes Birner-Eis und in der kühleren Jahreszeit auch als Veranstaltungsort.
http://www.gasthausbirner.at/

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Der Bisamberg ist ein Landschaftsschutz- und Erholungsgebiet am nördlichen Stadtrand, das teilweise zu Wien und teilweise zu Niederösterreich gehört. Beeinflusst durch angenehmes, pannonisches Klima verfügt er über eine einzigartige Pflanzen- und Tierwelt. Der Bisamberg gehört zur Weinregion Floridsdorfs, daher finden sich bei jeder Wanderung viele nette Heurige und Buschenschanken zum Einkehren. Idyllische Hohlwege und Kellergassen überziehen den Berg, eine der bekanntesten ist die Stammersdorfer Kellergasse. Hier liegt ein Zentrum der Floridsdorfer Weinkultur, und für die Weinfeste im Mai, August und Oktober werden alle Keller geöffnet. Dann heißt’s: „Ausg’steckt is“!

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Der Kinzerplatz ist bekannt für sein Sommertheater unter freiem Himmel, das schon seit ca. 25 Jahren auf dem herrlichen Platz vor der neugotisch-romanischen Donaufelder Kirche stattfindet und vom Theaterensemble „Satyriker“ organisiert wird. Die ursprünglich als Bischofssitz geplante Kirche am Kinzerplatz ist die drittgrößte Kirche Wiens und war eigentlich als Dom für die Hauptstadt von Niederösterreich angelegt. Floridsdorf hatte 1894 bereits über 20.000 Einwohner und wurde wegen seiner Wien-Nähe als Hauptstadt diskutiert. Diese Pläne vereitelte der Wiener Bürgermeister Karl Lueger: nur wenige Monate nach Grundsteinlegung durch Kaiser Franz Joseph I. setzte er aus wahltaktischen Gründen die Eingemeindung Floridsdorfs durch.
www.satyriker.at

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Sport & Erholung am Wasser

Der Marchfeldkanal, ein künstlich angelegtes naturnahes Gerinne, durchzieht den Bezirk. Es gibt interessante Naturführungen und er ist ein wichtiges Naherholungsgebiet – ideal zum Wandern, Radfahren, Fischen oder Kanufahren. Ein Tipp für eine schöne Tour ist der Marchfeldkanal-Radweg: er führt von Langenzersdorf, durch Floridsdorf ins Marchfeld, den „Gemüsegarten Österreichs“, zu beeindruckenden Schlössern und Highlights rund um Natur, Kultur und Geschichte. Vorbei an geschichtsträchtigen Orten kann man die Natur und Idylle entlang des Marchfeldkanals genießen! Baden im Kanal ist allerdings verboten.
http://www.marchfeldkanal.at/

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Das Rote Wien hat auch in Floridsdorf seine Spuren hinterlassen, bspw. mit kommunalen Wohnbauprojekten wie dem Schlingerhof in Floridsdorf (nach den Plänen von Hans Glaser und Karl Scheffel), oder dem Karl-Seitz-Hof in Jedlesee (nach Plänen von Hubert Gessner). Der Schlingerhof entstand 1924-1926 auf den Gründen des ehemaligen Gaswerkes an der Brünnerstrasse und erlangte als einer der Brennpunkte der Februarkämfe 1934 historische Bedeutung. Vom Gemeindebau trägt auch der angrenzende „Schlingermarkt“ seinen Namen, der seit 1926 an diesem Standort betrieben wird.
http://schlingermarkt.at/, http://www.dasrotewien.at/schlingerhof.html

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Das Segelzentrum Wien-Nord ist ein angenehmes Sport- und Erholungsgebiet an der Neuen Donau – geeignet zum Segeln oder Segeln lernen, zum Schwimmen, Fischen, Wandern, Radfahren …  oder einfach nur zum Ausspannen. Es gibt auch ein kleines Buffet mit Terrasse und herrlichem Blick über’s Wasser zum Leopoldsberg.

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Hörbuch

Floridsdorf

Wir freuen uns, dass im Herbst 2017 ein neues Hörbuch über den 21. Bezirk alias Floridsdorf erscheint. Es wird von der Autorin und Journalistin Carola Timmel gestaltet, die auch schon die Innere Stadt, die Leopoldstadt, die Josefstadt und Rudolsheim-Fünfhaus porträtiert hat.

Flanerien konkret

Derzeit gibt es keine aktuellen Termine für Stadtführungen im 21. Bezirk. Infos zu aktuellen StadFLANERIEN des Aktionsradius Wien unter office@aktionsradius.at.